Auracast: Die Bluetooth-Revolution nicht nur für Hörgeräte

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Bahnhof, am Gate im Flughafen oder in einem großen, hallenden Vortragssaal. Stimmengewirr, Nebengeräusche und schlechte Raumakustik machen es fast unmöglich, die wichtigen Durchsagen oder den Redner zu verstehen. Für Menschen mit Hörverlust ist das Alltag – aber auch Normalhörende stoßen hier oft an ihre Grenzen.

Auracast ist eine neue Bluetooth-Broadcast-Technologie
Die neue Bluetooth-Broadcast-Technologie wird aktuell als der nächste große Meilenstein in der Hörakustik gefeiert

Die Lösung für dieses Problem hat einen Namen: Auracast. Die neue Bluetooth-Broadcast-Technologie wird aktuell als der nächste große Meilenstein in der Hörakustik gefeiert. Doch der eigentliche Durchbruch der Technologie könnte aus einer ganz anderen Richtung kommen.

Was genau ist Auracast?

Auracast ist eine Funktion des neuen Bluetooth LE Audio (ab Bluetooth-Version 5.2). Bisher kennen wir Bluetooth so: Ein Sender (z. B. das Smartphone) koppelt sich mit exakt einem Empfänger (z. B. dem Kopfhörer oder Hörgerät).

Auracast bricht dieses Prinzip auf. Es funktioniert wie ein Radiosender: Ein einziger Sender überträgt das Audiosignal gleichzeitig an beliebig viele Empfänger im Raum.

 Wie beim WLAN: Nutzer wählen auf ihrem Smartphone einfach den passenden Audio-Kanal aus.

Keine Kabelschleifen mehr: Im Gegensatz zur klassischen Induktionsanlage, für die aufwendig Kabel im Raum verlegt werden müssen, genügt für Auracast ein kleiner, kompakter Sender. Erste Praxisbeispiele (wie etwa auf Messen) zeigen bereits, wie gut das bei Führungen oder mehrsprachigen Präsentationen funktioniert.

Bessere Akkulaufzeit & Qualität: Der neue LC3-Codec sorgt für eine hervorragende Klangqualität bei sehr geringer Latenz und schont gleichzeitig den Akku der Hörgeräte.

An öffentlichen Orten mit stummen TV-Bildschirmen wie Flughäfen, Sporthallen und Warteräumen bietet Auracast ein befriedigenderes Fernseherlebnis
An öffentlichen Orten mit stummen TV-Bildschirmen wie Flughäfen, Sporthallen und Warteräumen bietet Auracast ein befriedigenderes Fernseherlebnis

Der „Curb-Cut-Effekt“: Warum Normalhörende den Durchbruch bringen könnten

Technologien, die ursprünglich für Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden, erleichtern am Ende oft der gesamten Gesellschaft das Leben. Das bekannteste Beispiel ist der abgesenkte Bordstein (engl. Curb Cut): Gedacht für Rollstühle, wird er heute ganz selbstverständlich von Menschen mit Kinderwagen, Rollkoffern oder Fahrrädern genutzt.

Genau dieser Curb-Cut-Effekt könnte Auracast zum Mainstream machen. Wenn bei einer unruhigen Fachkonferenz der Ton des Redners direkt auf die kabellosen Kopfhörer (wie AirPods) oder Smartphones des Publikums gestreamt wird, profitieren auch Normalhörende enorm davon.

Sobald die breite Masse diesen Komfort entdeckt und fordert, wächst der Druck auf Veranstalter, Kinos und öffentliche Einrichtungen. Auracast wird dann nicht mehr nur installiert, um gesetzliche Vorgaben zur Barrierefreiheit zu erfüllen, sondern weil es ein echtes Qualitätsmerkmal für alle Besucher ist.

Wo hakt es aktuell noch bei Auracast?

Trotz der vielversprechenden Technik gibt es noch einige Hürden, die eine flächendeckende Einführung aktuell noch bremsen:

Die Apple-Bremse: Selbst mit iOS 26 (Stand 2026) hat Apple noch keine native, systemweite Auracast-Unterstützung im iPhone integriert. Da viele Nutzer auf das iPhone-Ökosystem setzen, verlangsamt dies die breite Adaption.

Warten auf die Norm: Eine verbindliche internationale Norm (IEC 60118-17), die technische Anforderungen wie Latenz und Qualität für Hörhilfezwecke definiert, lässt auf sich warten. Experten rechnen nicht vor Ende 2027 mit einer Veröffentlichung. Bis dahin fehlt Herstellern und Installateuren die absolute Planungssicherheit.

Herausforderungen bei der Bedienung: Die klassische Induktionsanlage ist denkbar einfach: Man legt am Hörgerät den Kippschalter auf „T“ (Telefonspule) und ist verbunden. Bei Auracast müssen Nutzer einen Kanal über ihr Smartphone oder ein Zusatzgerät auswählen. Der Deutsche Hörverband (DHV) hat bereits Bedenken geäußert, dass diese Bedienung gerade für ältere Nutzer eine Hürde darstellen könnte.

Lange Austauschzyklen: Hörgeräte werden in der Regel 5 bis 7 Jahre genutzt. Bis die Mehrheit der Träger mit Auracast-fähigen Geräten ausgestattet ist, wird es allein durch diesen natürlichen Zyklus noch einige Jahre dauern.

Induktionsanlage vs. Auracast: Was bedeutet das für die Praxis?

Auracast ist zweifellos die Zukunft des barrierefreien Hörens. Doch in der Gegenwart ist die Infrastruktur noch lückenhaft. Für Hörakustiker, Veranstalter und Hörgeräteträger bedeutet das in der Übergangsphase: Ein Entweder-oder gibt es noch nicht.

Die bewährte Induktionsanlage und die klassische Telefonspule (T-Spule) im Hörgerät dürfen noch nicht abgeschrieben werden. Solange Auracast seine eigene Norm noch nicht hat und flächendeckend verfügbar ist, bleibt die Aufklärung über beide Technologien der beste Weg, um uneingeschränktes Hören im Alltag zu ermöglichen.

Fazit: Auracast hat das Potenzial, den Alltag von Hörgeräteträgern und Normalhörenden gleichermaßen zu revolutionieren. Die Technik steht bereit – jetzt müssen die Tech-Giganten, Normungsinstitute und Veranstalter nachziehen.

Haben Sie schon Erfahrungen mit Auracast gemacht oder Fragen zur neuen Technologie? Sprechen Sie uns gerne an!